Dem Autor folgen

 


Er erzählte gerade von seinem letzten Urlaub auf irgendeiner Insel, beschrieb den Surfkurs, den er dort gemacht hatte und das Hotel mit seinen allmorgendlichen Aerobic-Stunden. Die grünen Augen machten zwar noch einen etwas verschlafenen Eindruck, doch nach einer ordentlichen Dusche und einer Kopfschmerztablette würde sich auch das geben.

SCM Benutzerkonto


Bei dem Skandal hatten mehrere Journalisten dem Geheimdienst angeboten unter anderem gegen Geld- und Sachleistungen , Informationen über investigative Journalisten und deren Quellen zu sammeln und weiterzugeben. Focus Money ist derzeit der zweit-auflagenstärkste Wirtschaftstitel mit einer verkauften Auflage von Er geriet im Zusammenhang mit seiner Redaktionstätikeit in den Verdacht des Insiderhandels und machte so bundesweite Schlagzeilen.

Weiterhin erscheint eine Focus Schule genannte Zeitschrift im zweimonatlichen Rhythmus: Sie richtet sich besonders an Eltern schulpflichtiger Kinder. Die Zeitschrift betreibt seit dem 1. Seit kommt im selben Verlag das wöchentliche Wirtschaftsmagazin Focus Money heraus sowie seit zweimonatlich das Bildungsmagazin Focus Schule. Seit bietet Focus ein Internetportal speziell für Studierende, Focus Campus , an, wo ursprünglich ein gleichnamiges, kostenloses PDF-Magazin abonniert werden konnte, das aber im Jahr eingestellt worden ist.

Das Medienmagazin Zapp nutzte das Projekt im Oktober als Beispiel für die einseitige und intransparente Beeinflussung von Schulen und Lehrinhalten durch Unternehmen und Lobbyinggruppen. Die verkaufte Auflage betrug im letzten Quartal Focus — may refer to: Hawlicek hob den Finger an die Lippen, wie ein Verschwörer, der befürchtet, sein geheimer Plan könnte aufgedeckt werden. Mit derselben Migräne schleppe ich mich auf allen Vieren in die Redaktion, um zu arbeiten.

Und wie wird man empfangen? Dann hätte die Zeitung endlich eine Chance, wirklich gut zu werden. Aber auf mich hört ja keiner.

Hawlicek hatte gewisse Freiräume in der Redaktion, die man ihm aufgrund seiner Funktion nicht zugetraut hätte. Er, der Redaktionsbote, war gleichzeitig so etwas wie der Hofnarr der Zeitung. Er durfte Dinge sagen, die andere lieber für sich behielten. Wäre er Redakteur, hätte er es nicht so leicht.

Doch so war er schon oft das Sprachrohr gewesen, das hinausposaunte, was ansonsten geschluckt worden wäre, und damit der Eisbrecher für längst verhärtete Fronten. Redaktionsbote war er auch, nebenbei. Wie heute, war auch damals der erste Mensch, dem er in der Redaktion begegnet war, Hawlicek gewesen.

Die beiden waren gleich an der Eingangstür zusammengeprallt. Er hatte auf die Briefe am Boden gedeutet: Mit Journalismus hatte er bis dahin noch nichts zu tun gehabt. Doch die Vorstellung, in einem Medienbetrieb zu arbeiten, hatte ihn immer schon gereizt. Beworben hatte er sich ja eigentlich für einen Posten in der Geschäftsführung. Er hatte es bisher nicht bereut. Hawliceks Stimme unterbrach seine Erinnerungen. Gestern hat jemand den Namen unseres werten Kanzlers falsch geschrieben.

Als er dann den Schuldigen erwischte, ging die Post ab. Ein Wirbelsturm ist ein zartes Lüftchen dagegen. Was war da schon der Kanzler? Wenn der dein zerknittertes Gesicht sieht, haben wir den nächsten Wirbelsturm. Die beiden Titelzeilen des Aufmachers las er zuerst: Neue Gespräche in Moskau. Brüssel war jetzt das wahre Herz Europas, die anderen Hauptstädte hatten eigentlich nur noch Statistenrollen.

Binnen kürzester Zeit waren immer mehr dieser Länder auf demokratisch-marktwirtschaftlichen Kurs eingeschwenkt. Doch nachdem es ihnen gelungen war, den Initiator der sowjetischen Reformpolitik, Michail Gorbatschow, abzusetzen, war der Putsch in nur wenigen Tagen zusammengebrochen. Als Folge war die alte Garde aus ihren letzten Machtpositionen entfernt worden.

Sie war in ihre Teilrepubliken zerfallen, die heute zum Teil nur noch von den losen Bändern einer Föderation zusammengehalten wurden. Eine immer noch anhaltende rasante wirtschaftliche Aufholjagd war die Folge. Was noch zu Beginn der achtziger Jahre niemand für möglich gehalten hatte, war geschehen: Karl Marx rotierte wohl immer noch in seinem Grab. Absichtserklärungen über eine Eingliederung gab es bereits seit ein paar Jahren. Seit einigen Monaten aber wandelten sie sich hin zu richtigen Beitritts Verhandlungen.

Die Welt rückte immer mehr zusammen. Weigert öffnete die Tür zu seinem Büro, das er mit drei anderen Kollegen teilte. Einer davon war schon da. Heinz Tolmein hatte zumindest eine Eigenschaft, die den gelernten Österreicher auszeichnete: Weigert hatte ihn noch nie wirklich gelöst und zufrieden erlebt. Man sah es schon an seinem Gesicht: Es lag eine Spur Bitterkeit darin, die freilich zu schwach war, um wirklich gegen als bedrückend Empfundenes anzukämpfen.

Er wollte es wahrscheinlich auch gar nicht. Der Österreicher in Tolmein brauchte diese Zwiespältigkeit des Leidens und gleichzeitigen Klagens darüber. Das war die masochistische Essenz seines Lebens. Weigert mochte ihn nicht besonders, doch er respektierte ihn als guten Journalisten. Er setzte sich gegenüber von Tolmein an seinen Schreibtisch. Das wenigstens hättest du dir merken können.

Ich sitze allein hier und spiele Telefonfräulein für euch drei. Du hättest ruhig früher kommen können.

Tolmein hielt inne, schaute Weigert an und meinte: Schön langsam reichte es. Als er morgens in den Spiegel geblickt hatte, war es ihm gar nicht so schlimm vorgekommen.

Jetzt war Weigert kaum zehn Minuten in der Redaktion, und schon hatten ihn zwei Leute darauf angesprochen. Der Ressortchef war als militanter Nichtraucher bekannt. Am Gang vor seinem Büro stand ein Aschenbecher mit einem Schild, auf dem eine Zigarette aufgezeichnet war, die ein dicker roter Strich in zwei Hälften teilte. Das Schild zeigte ja nur eine Zigarette. Seither hingen drei Schilder: Vielleicht würden sie sich demnächst Wasserpfeifen anschaffen. Werner Hillgruber kam immer gleich zur Sache.

Lange Vorreden waren nicht sein Fall. Hillgruber war ein Journalist reinsten Wassers und einer der bekanntesten und besten des Landes dazu. Wenn er auch manchmal hart mit seinen Mitarbeitern umsprang, so konnte man ihm doch eine gewisse Fürsorglichkeit nicht absprechen.

Er schützte sie, wo er konnte. Seine Hühnchen mit ihnen rupfte er selbst. Und so war er, trotz der enormen Leistungen, die er seinen Leuten unerbittlich immer wieder abverlangte, in seiner Abteilung beliebt. Die Redakteure akzeptierten ihn aber auch aufgrund einer einfachen Tatsache: Er war ganz einfach der beste von ihnen.

Wie Sie ja wissen, hält er sich für zwei Tage zu Gesprächen in Wien auf. Da kam es auch schon. Hillgruber kramte auf seinem hoffnungslos vollgeräumten Schreibtisch. Endlich hielt er triumphierend einen Zettel in der Hand. Sollten Sie es nicht mehr schaffen, dann eben morgen. Wir haben den Termin exklusiv, es eilt also nicht allzusehr. Vielleicht sollte ich einen Gesichtschirurgen aufsuchen.

Sonst liegt mir wieder der Chef in den Ohren. Er stand im Badezimmer seiner Hotelsuite. Dort kannte man ihn schon, und man beeilte sich, seinen Wünschen nachzukommen. Jetzt war dieses ursprüngliche Kunstgebilde die stärkste Währung der Welt, bedeutender noch als der amerikanische Dollar. Die Macht des kleinen Mannes aus Deutschland, dessen Kopf nur noch sehr spärlich mit Haaren bedeckt war, basierte nicht auf realen Werten, sondern einzig und allein auf einem künstlichen Gebilde, das sich wie ein Schleier — einem Spinnennetz gleich — über die Wirtschaften der Neuzeit gelegt hatte: In diesem Netz verfing sich alles.

Und Bernhard Volker war der Maschinist. Mit geübten Fingern schlang er die Krawattenenden ineinander, um sie zu einem Knoten zu binden. Im Spiegel betrachtete er kritisch das Ergebnis.

Er war Perfektionist bis ins Detail. Einen schlecht sitzenden Krawattenknoten hätte er sich nicht verziehen. In einer Dreiviertelstunde würde er den österreichischen Finanzminister treffen. Immer hatten diese Österreicher Klagen und Sonderwünsche. Konnten sie sich nicht einfach unterordnen? Viel zu sehr dachten sie noch in den Kategorien des Nationalstaats. Doch diese Kategorien waren längst überholt. Das war Volkers Meinung, und heute würde er es seinen Gastgeber spüren lassen.

Er trat aus dem Bad in das eine der beiden Wohnzimmer der Suite. Dort warteten bereits seine beiden Leibwächter, wie er es ihnen am Abend zuvor aufgetragen hatte. Der Leibwächter drehte am Türknauf und machte auf. Bevor noch die Überraschung ihren Weg in seine Gesichtszüge gefunden hatte, kam der Tod. Schnell, präzise und unerbittlich. Die Rittmeier hat schon wieder besseres zu tun. Und wir sollen wieder einmal einspringen. Ich bin es, an dem die Arbeit hängen bleibt, nicht du!

Weigert würde es auch ohne Krawatte schaffen. Wenigstens hatte er bei der Suche sein Diktaphon wiedergefunden. Volker galt unter Journalisten als schwieriger Interviewpartner. Weigert setzte sich an den Computer und begann, am Bildschirm die Meldungen der Nachrichtenagenturen durchzusehen.

Die Liste wurde immer länger und so schränkte er sie auf den Zeitraum der letzten vier Wochen ein. Auch wenn diese manchmal noch so unbedeutend waren, gab es doch eine ständige, harte Konkurrenz.

Hin und wieder zweifelte Weigert an der Sinnhaftigkeit dieser Jagd, deren Ergebnisse oft schon am nächsten Tag oder gar Stunden später wieder überholt waren. Alle Gebiete, die die Korrespondenten nicht abdecken konnten oder Ereignisse, die für einen allein zu umfangreich waren, wurden von der Hauptredaktion in Wien aus betreut. Weigert war durchschnittlich zehn bis zwölf Mal pro Jahr unterwegs, rund um den Globus.

Das war es, was er am meisten schätzte: Recherchen weit weg vom Redaktionsschreibtisch, direkt am Ort des Geschehens. Er empfand das Reisen als eine der angenehmsten Seiten seines Berufs. Wenn er wieder einmal zu sehr auf einen neuen Auslandseinsatz drängte, geriet er bisweilen in Streit mit seinen Kollegen.

Obwohl nicht alle so reisefreudig waren wie er, blieb an ihnen dann doch die tägliche Knochenarbeit hängen: Agenturmeldungen umschreiben, Seiten layouten, Kommentare ausdenken, Korrespondenten ansetzen. Der Vormarsch der elektronischen Medien hatte die Boulevardzeitungen in den letzten Jahren stark zurückgedrängt. An den qualitativ hochwertigen Blättern jedoch war die elektronische Informationsrevolution — manche sprachen auch von Desinformationsrevolution — weitgehend spurlos vorübergegangen.

Diese konnten ihren Platz behaupten, ja vielfach sogar noch ausbauen. Vor dem Beitritt Österreichs zur Europäischen Gemeinschaft war es eine der beiden seriösen und ernstzunehmenden Zeitungen des Landes. Statt Marktanteile zu verlieren, eroberte man auch in Deutschland und später in der Schweiz ein Stück des Kuchens, wenn auch ein relativ bescheidenes. Rund drei Dutzend Meldungen hatte Weigert ausgedruckt. Gerade wollte er beginnen, diese zu ordnen, als die Tür aufgerissen wurde und ein aufgeregter Hillgruber hereinstürmte.

Der Ressortchef pflanzte sich vor Weigerts Schreibtisch auf. Tolmein hörte auf, die Tasten seines Computers zu bearbeiten. Hat man die Bekleidungsvorschriften für Interviews geändert?

Oder beliebt Herr Eurofed-Präsident, mich im Schlafmäntelchen zu empfangen? Volker kann Sie nicht mehr empfangen. Erschossene Opfer von Attentaten, von Sprengsätzen zerfetzte Leiber, grausam massakrierte Leichen, zu Bergen aufgetürmt: Für Journalisten der Weltpolitik verging kein Tag ohne solche Meldungen. Manchmal war man selbst vor Ort. Der Tod war fixer Wegbegleiter politischer Ereignisse. Und der Zynismus gehörte zur Grundausstattung für diesen Beruf.

Auch Hillgruber war keinesfalls deshalb aufgeregt, weil man Volker erschossen hatte. Er war aufgeregt, weil er eine Story witterte. Finden Sie soviel heraus wie möglich! Ich rede inzwischen mit dem Chef, damit wir Platz auf der Seite eins bekommen.

Das war typisch für Hillgruber: Auch wenn bereits zwei Versuche fehlgeschlagen waren, einmal würde er es sicher schaffen. Bergmann hatte nicht mehr lange bis zu seiner Pensionierung. Vielleicht können Sie dort sein, bevor die Meute eintrifft. Weigert hielt ihm einen Geldschein vor die Nase.

Jedenfalls gab er sein Bestes. Es war kurz nach halb zwölf. Er würde also genügend Zeit haben, um eine brauchbare Geschichte aufzustellen. Von weitem schon konnte man die zuckenden Blaulichter der Polizeifahrzeuge erkennen. Weigert war schon aus dem Wagen gesprungen und reichte dem Fahrer einige Scheine.

Das versprochene Trinkgeld war dabei. Jetzt hatte der zweite Polizist, der kleinere der beiden, das Wort ergriffen. Weigert hatte Erfahrung mit solchen Beamten, weniger in Österreich, mehr im Ausland. Aber der Typus war im Prinzip immer der gleiche. Weigert hatte seinen Presseausweis gezückt und hielt ihn den beiden Uniformierten unter die Nase.

Wenn Sie morgen wieder etwas lesen wollen, dann lassen Sie mich bitte durch. Für Presse und Fernsehen ist Hauptmann Warda zuständig. Sie finden ihn im Hotel. Aus den Augenwinkeln sah er, wie ein Übertragungswagen einer Fernsehstation auf das Hotel zusteuerte. Die Meute war auf der Jagd. Er stieg in den Aufzug und fuhr nach oben. Die Lifttür ging auf. Auch anderswo wurde offensichtlich der Behördenfunk abgehört.

Ein Polizeioffizier, offenbar der Einsatzleiter, war bereits von fünf Journalisten — drei Männern und zwei Frauen — umringt. Zwei der Kollegen kannte Weigert. Seine Kollegin hatte einen Bleistift gezückt, in der Rechten hielt sie einen Block, aus ihrer Handtasche ragte ein Diktiergerät. Mit der Fahndung hat er nicht viel zu tun.

Dazu wird er wohl in eines der Zimmer gehen, damit wir ja nichts mitkriegen. Und die Beamten von der Mordkommission sind gerade erst eingetroffen. Vor ein paar Monaten war Weigert mit ihm und einigen anderen Journalisten auf Einladung der Vereinten Nationen in Afrika unterwegs gewesen.

Seine feuerroten Haare konnte man kaum übersehen. Wie ein Leuchtturm, dachte Weigert. Weigert schaute sich um. Es ging schon los. Zwei Fotografen knipsten, was das Zeug hielt. Das Fernsehteam, das Weigert zuerst hatte vorfahren sehen, entstieg gerade dem Lift: Der Kameramann hatte sein Gerät schon im Anschlag und filmte die beiden Polizisten, die wenige Meter entfernt vor einer Zimmertür Aufstellung genommen hatten.

Vermutlich der Eingang zu Volkers Suite, dachte Weigert. Quer über den Gang war eine wohl aus Hotelbeständen stammende Kordel gespannt. Sie sollte die Journalisten davon abhalten, dem Tatort zu nahe zu kommen. Ein paar Uniformierte, die sich davor aufgebaut hatten, unterstrichen dies noch. Der Zufall führt manchmal eine ganz brauchbare Regie. Weigert kannte einen der Polizisten. Walter Müller und er hatten gemeinsam die Schulbank gedrückt. Nach der Matura hatten sich ihre Wege getrennt.

Während Müller sein Glück auf der Polizeischule versucht hatte, hatte es Weigert auf die Universität gezogen. Ein Bier gab das andere und sie hatten sich auf Anhieb wieder so gut verstanden wie in alten Schulzeiten. Seitdem trafen sich die beiden ein paar Mal im Jahr um zu plaudern und Billard zu spielen. Offensichtlich diesen Oberbankier Bernhard Volker und seine beiden Leibwächter. Gefunden hat die Leichen Volkers Sekretär, ein gewisser Helmstedt. Alle drei sind erschossen worden, das steht fest.

Aber die Sache ist erst eine halbe Stunde her. Wir haben vielleicht noch eine Chance, sie zu kriegen. Sonst wollen alle rein. Müller hob die Kordel und Weigert schlüpfte unten durch. Einer der Pressefotografen sah es, stürmte herbei und wollte ebenfalls mitkommen.

Müller hielt ihn zurück. Er hielt ihn wohl für einen Polizisten in Zivil. Müller öffnete die Zimmertür und trat zur Seite, damit Weigert einen Blick in den Raum machen konnte. Die Experten der Spurensicherung waren bereits an der Arbeit. Sie blickten kurz auf. Der erste der Leibwächter lag in unmittelbarer Nähe der Tür.

Eine Kugel war direkt in sein Herz gedrungen. Sie hatte so die Bewegung abrupt gebremst, mit der der Bodyguard die neben ihm auf einem kleinen Beistelltisch liegende Maschinenpistole hatte ergreifen wollen.

Volker selbst lag im Durchgang zum Bad. Weigert erkannte ihn sofort. Er hatte ihn schon oft genug auf Fotos oder im Fernsehen gesehen. Der oder die Täter hatten ihn von hinten erschossen, als er in das angrenzende Bad hatte fliehen wollen.

Volker lag auf dem Rücken. Jetzt schaute auch Müller, der bislang den Gang unter Beobachtung gehalten hatte, herein. Weigert starrte Volkers Leiche an. Es war eine Art Sonne mit zwölf an ihren Enden abgewinkelten Strahlen, die so etwas wie ein Rad bildeten. Weigert prägte sich das Zeichen genau ein. Doch ab jetzt würde für ihn nichts mehr so sein, wie es einmal war. Es war kurz nach halb neun. Das Lokal war zu etwa zwei Drittel gefüllt, doch laufend drängten weitere Menschen herein.

Die Belüftung war schlecht, wie man bei jedem Atemzug spüren konnte. Musik kam aus zwei Lautsprechern, die oberhalb der Bar angebracht waren. Dazu eine Stimme, die unverkennbar einer Schwarzen gehörte — tief, rauh und voll. Das Lokal war eines jener, von denen in der Stadt laufend neue aus dem Boden schossen. Obwohl sich diese in Einrichtung, Musik und Publikum mitunter deutlich unterschieden, bezogen sie doch ihre Existenzberechtigung aus der gleichen Quelle: Sie waren Pseudo-Heimat und Lebensmittelpunkt für die Vielen.

Weigert lehnte sich mit dem Rücken an die Bar und betrachtete die Leute. Mit den Männern dürfte es sich nicht anders verhalten, dachte er.

Doch fehlte Weigert hier der sichere Blick dafür. Zombies — lebende Tote. Weigerts Freund Peter Villiger, auf den er jetzt wartete, hatte diesen Ausdruck auf die Menschen rundum angewandt, als die beiden einmal hier gestanden waren. Zuerst hatten die beiden es lustig gefunden und über den Einfall gelacht. Doch dann hatten sie den Gedanken weitergesponnen und ihr Lachen war dem Ernst gewichen.

Villiger hatte den Kern der Sache getroffen. Natürlich traf es nicht auf alle zu. Aber die Spezies der Zombies breitete sich unaufhaltsam aus. Ihre Hüllen schienen lebendig, doch die Seelen darin waren tot.

Sie hechelten den Trends hinterher, die ihnen der Zeitgeist via Medien vorsetzte. Doch die Trends waren nichts anderes als geschickte Marketingstrategien. Sie änderten sich laufend und vermittelten so die Illusion von Fortschritt, wo in Wahrheit Stillstand herrschte. Wer im Wettlauf der Moden zurückblieb, lief Gefahr, als Aussätziger behandelt zu werden. Doch in den Augen der Zombies lohnte es sich trotzdem, an den Start zu gehen.

Der Preis war wertvoll, denn er vermittelte etwas, das sie sich selbst nicht zu geben vermochten, da ihre innere Kraft längst verloschen war: So vital sie auch schienen, waren die Zombies nichts anderes als eine tote Hülle für die Waren, die man in sie hineinstopfte.

Die Zombies gefielen Weigert nicht. Und doch fürchtete er, vom Expansionsdrang dieser Spezies angesteckt zu werden. Die Verlockungen waren zahlreich. Bisher hatte er ihnen noch widerstanden.

Manchmal, wenn Weigert sie wahrnahm, amüsierte er sich über sie. Manchmal beschlich ihn Unmut. Doch im Gegensatz zu früher schien es in dem Stück keine einsamen Helden mehr zu geben, sondern nur noch den Chor der Vielen. Er war ziemlich geschlaucht, doch zufrieden.

Nachdem er in die Redaktion zurückgekehrt war, hatte er seinen Artikel in den Computer getippt. Es war wohl nicht anders zu erwarten gewesen.

Doch Weigert war allen anderen um eine Nasenlänge voraus: Der Blick durch die Tür hatte ihm einen Informationsvorsprung verschafft, den die anderen erst morgen würden einholen können, wenn die Polizei ihre ersten offiziellen Statements abgab. Er hatte als einziger Journalist die Leiche Volkers gesehen und damit auch das, was man ihr angetan hatte. Immer wieder tauchte in Weigerts Gedanken das Zeichen auf, das die Stirn des Ermordeten verunstaltet hatte: Wenn es sich um einen politischen Mord handelte — und die Umstände sowie die Person Volkers sprachen durchaus dafür — dann wäre ein Bekennerbrief wohl einfacher gewesen.

Morgen würde die Polizei das unersättliche Informationsbedürfnis der Medien befriedigen müssen. Dann würde er weitersehen. Doch heute war er hier, um seinen Freund zu treffen. Weigert schaute auf die Uhr: Die Zombies fielen ihm wieder ein. Flüchtlinge, dachte er, ja, die Zombies sind Flüchtlinge. Sie haben Angst, sich ihren Verfolgern zu stellen: Und wenn die Zombies Flüchtlinge sind, dann ist dieses Lokal ein Flüchtlingslager, eines von vielen.

So, wie die Starken auseinander streben, streben die Schwachen zueinander. Sie können die Stille der Einsamkeit nicht ertragen, die auf den Gipfeln herrscht, die nur die Wenigen erklimmen können. Die Zombies drängen sich aneinander, so wie die Herde aus Angst vor dem Wolf. An der Bar links von ihm standen zwei Mädchen und ein Mann. Das eine der beiden Mädchen, eine Blonde, war schick gekleidet.

Deren Umrisse zeichneten sich durch den leichten Stoff mehr als deutlich ab. Ihr schwarzer, lederner Minirock klebte förmlich an ihrem Körper. Weigert mochte so etwas. Und er mochte es auch wieder nicht. In seinem tiefsten Inneren gab es einen Graben, der zwei Seelen in ihm trennte. Und doch war dieser Graben keine absolute Grenze. Er ordnete nur, was sich in Weigert als Duplizität fand. Er war die Trennlinie zwischen den beiden Seiten.

Sein Herz sehr wohl. Das Spiel war doch immer das gleiche, dachte Weigert, als er das Mädchen musterte. Die Uniformen und Rituale der Nacht ebenso. Ihr Gesicht war zwar nicht gerade von auffallender Schönheit, doch sie hatte versucht, das mit Schminke, Lidschatten und Rouge zu verbessern.

Die Blonde und ihre Freundin lauschten aufmerksam, manchesmal lächelnd, dem Mann, der bei ihnen stand. Er erzählte gerade von seinem letzten Urlaub auf irgendeiner Insel, beschrieb den Surfkurs, den er dort gemacht hatte und das Hotel mit seinen allmorgendlichen Aerobic-Stunden.

Es war nicht gerade eine begeisternde Erzählung, keine wirklichen Erlebnisse, sondern mehr eine Aufzählung dessen, was er konsumiert hatte. Weigert betrachtete den Mann mit zunehmender Belustigung. Während dieser erzählte, war er fast krampfhaft darum bemüht, eine möglichst lässige Haltung einzunehmen. Einmal steckte er die rechte Hand in die Hosentasche und stützte sich mit der Linken an der Theke auf.

Dann wieder zog er einen Autoschlüssel aus der Tasche, um mit ihm zu spielen. Styling war eben alles, auch wenn es hier nur bei einem Versuch blieb. Der Mann erinnerte an jemanden, der sich das Rauchen abgewöhnen will und — mangels Zigarette in der Hand — sich ein Ersatzobjekt sucht.

Am Schlüsselbund war ein Anhänger angebracht. Darauf prangte, kaum zu übersehen, das Firmenzeichen einer bekannten Nobel-Automarke. Soweit er sich erinnern konnte, war es ein älterer Kleinwagen gewesen. Ohne es zu merken, überschritt Weigert den Graben in sich und blickte vom Gipfel der Wenigen hinunter in das Tal der Vielen: Und dort sah er Menschen wie den Mann mit dem Autoschlüssel.

Denn sie hatten ihre Seele verloren, verkauft für bunten Narrentand. Und in ihrer Arroganz glaubten sie dabei noch, ein gutes Geschäft gemacht zu haben. Die Zeit der verächtlichsten Menschen war gekommen, jener, die sich selbst nicht mehr verachten konnten. Aber sie waren keine schlechten Menschen. Sie glaubten zu leben, aber an ihnen haftete schon der Geruch des Todes. Trotz allem, sie blieben, was sie waren.

Er deutete auf Weigerts mittlerweile leeres Glas. Während der Mann hinter der Theke das Bier zapfte, betrachtete er ihn näher. Er war etwas älter als die meisten seiner Gäste. Seine langen, schwarzen Haare waren hinter dem Kopf zu einem Zopf zusammengebunden. Er trug eine schwarze Hose, die kurz unter dem Knie zu Ende war. Dazu ein lila Hemd und eine Fliege, deren Farbenpracht kaum zu beschreiben war.

Durch das linke Ohrläppchen hatte er sich einen dünnen, goldenen Ring gesteckt. Alle Nonkonformisten bewiesen zumindest in einem Konformität, dachte er: Währenddessen stellte ihm der Barkeeper sein Bier hin. Weigert wurde langsam zornig, wie immer, wenn Peter Villiger sich zu sehr verspätete.

Peter hatte die Nase voll, er wollte weg aus diesem Land, das sagte er zumindest. In Wirklichkeit wollte er weg von dieser Gesellschaft. Zahllose Nächte hatten sich die beiden Freunde um die Ohren geschlagen — gesoffen, geschwärmt, verdammt oder einfach nur geredet.

Doch ohne wirkliches Ziel, wie Weigert ihm manchmal vorgeworfen hatte. Kennengelernt hatten sich die beiden beim Militär, im feuchten Dreck von Übungsplätzen, auf dem harten Asphalt der Exerzierhöfe, in den muffigen Räumen der Kaserne, in die sie beide eingerückt waren. Trotzdem — das war immer ihr Wort gewesen, ihr ganz persönlicher Widerstand gegen das, was gerade in Mode war, ihr Schwimmen gegen den Strom, ihre Suche nach einer Quelle, die sie wahrscheinlich nie erreichen würden.

Das Phänomen Krieg, irgendwann einmal als Vater aller Dinge bezeichnet, schien längst keine wirkliche Bedrohung mehr zu sein. Armeen wurden abgebaut, Waffen verschrottet, Kasernen geschleift. Der Ausbruch des Friedens war nicht mehr aufzuhalten gewesen, seitdem sich Anfang der neunziger Jahre der Warschauer Pakt aufgelöst und der sowjetische Bär als zahnlos erwiesen hatte.

Doch der Krieg hatte eine Metamorphose durchgemacht, keine neue freilich: Der blutgetränkte und von Einschlägen zernarbte Boden der Schlachtfelder war dem glatten Parkett der Börsensäle gewichen; der spartanische Gefechtsstand unter der Erde, von wo aus die Schlacht geführt wurde, war zum durchgestylten Büro einer Konzernzentrale geworden, und die Krämerseele der Broker hatte das Ethos des Kriegers abgelöst.

Weigert und Villiger hatten sich trotzdem zur österreichischen Armee gemeldet, die seit den neunziger Jahren stark geschrumpft war und jetzt nur noch aus einem ganz kleinen Kader und wenigen Tausend Freiwilligen, die sich jeweils für ein Jahr verpflichteten, bestand.

Dort hatte eine jener altmodischen Männerfreundschaften begonnen, bei der ein Blick oder ein Handschlag mehr sagt als tausend Worte.

Rechts von Weigert redete ein Mann, der sich eine Zigarette nach der anderen ansteckte, auf eine Frau ein. Das Gespräch war ernster als jenes, das er zuvor belauscht hatte. Der Mann versuchte offenbar gerade sein Herz auszuschütten. Irgendwelche Probleme in seiner Arbeit, Schwierigkeiten mit dem Chef, soviel war zu verstehen. Sie schien sich zu langweilen, nippte ab und zu an ihrem Drink und warf hin und wieder einen Blick in die Runde.

Weigert wandte sich ab. So standen sie also da. Ein Glas in der Hand, und versuchten die letzten Reste ihrer in ihren Tiefen schlummernden Sehnsucht zu ertränken. Sie suchten Geborgenheit und fanden Sex. Sie suchten Freundschaft und fanden Verrat. Sie glaubten, frei zu sein. Doch ihre Freiheit war nichts anderes als das billige Recht, im Leeren herumzuirren. Mittlerweile war das Lokal voll geworden. Sie befinden sich hier: Dies ist ein Download-Artikel und kann nach dem Kauf digital heruntergeladen werden.

Dead lawyers tell no tales Reihe: Download in den Warenkorb. Ihnen gefällt dieser Artikel und Sie möchten Ihnen gerne weiterempfehlen? Folgende Möglichkeiten stehen Ihnen dafür zur Verfügung: Artikelinformationen Artikelbeschreibung Landon Reed beginnt ein neues Leben. Weitere Artikel von Randy Singer. Alle Artikel von Randy Singer anzeigen. Die Leseprobe zum Anhoeren.